Gründung eines neuen Netzwerkes zur Arbeitssituation alleinerziehender Frauen

Vor etwa neun Jahren begann in den Frauenhäusern und den Trägervereinen die Diskussion anlässlich der Einführung der grundlegenden Sozialreformen (Agenda 2010). Die Einführung von ALG I und ALG II (umgangssprachlich Hartz IV) stellte nicht nur die Behörden, sondern vor allem die von staatlichen Transferleistungen Betroffenen vor neue Herausforderungen. Frauen, die bis zum Jahr 2004 lange Sozialhilfe bezogen hatten und denen kaum Möglichkeiten zum Einstieg in die Erwerbstätigkeit gegeben waren, sollten ab 2005 nicht mehr weiter Sozialhilfe erhalten, sondern nun in den Bezug vom sog. Arbeitslosengeld II übergeleitet werden.

Diese Reform führte zu einer kritischen und konstruktiven Diskussion im Verein Frauen helfen Frauen. Der Grundgedanke des sog. Hartz IV- Programms wurde mit dem Motto „fordern und fördern“ offensiv in den Medien debattiert. Besondere Bedarfe und Aspekte der Förderung von Frauen mit Gewalterfahrung, die lange Zeit arbeitslos waren, wollte der Verein herausfinden und initiierte eine erste Zukunftswerkstatt in einem Lübecker Stadtteil. Hierzu wurden Gelder beantragt und in einer Kooperation mit Studentinnen der Leuphana Universität unter Anleitung von Frau Prof. Dr. Angelika Henschel widmeten sich alleinerziehende bzw. alleinstehende Frauen mit Gewalterfahrungen und Migrationshintergrund und/oder langer Arbeitslosigkeit zentralen Fragestellungen zur Erwerbstätigkeit.

Gearbeitet wurde zu den Fragen, was hindert mich daran zu arbeiten? Was würde ich gerne arbeiten? Was brauche ich, um arbeiten zu können?

Bereits wenige Monate später erschien die Dokumentation und die Auswertung der Zukunftswerkstatt. Der Bericht wurde in Lübeck von der Arbeitsagentur, dem Frauenbüro und den politischen Fraktionen mit großem Interesse aufgenommen. Im Jobcenter und in der Arbeitsagentur sowie bei einigen Frauenberatungsstellen wurde der Bedarf erkannt, dass Frauen, die Gewalt erfahren haben sowie Frauen, die als Migrantinnen häufig isolierter leben, ähnlich wie allein erziehende Mütter die aufgrund von multiplen Vermittlungshemmnissen auf dem Arbeitsmarkt einer spezifischen, „maßgeschneiderten“ Förderung bedürfen.

Die Zielgruppe mit sogenannten Arbeitshemmnissen war den Mitarbeiterinnen im Frauenhaus seit Jahren bekannt, und es gab bereits gute und vertrauensvolle Kooperationen. Der Verein sah somit die Möglichkeit, schnell und passgenau in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter eine Kursreihe  Aufbruch- Frauen auf dem Weg ins Erwerbsleben für Lübecker_innen anzubieten. Diese niedrigschwelligen Kursangebote fanden von 2007 bis 2011beim Verein statt und ermöglichten vielen Frauen ihre eigenen Stärken, Ressourcen und Kompetenzen wahrzunehmen bzw. weiter auszubauen. Einigen von ihnen gelang darüber hinaus die Einmündung in weiterführende Qualifizierungsmaßnahmen bzw. in den ersten Arbeitsmarkt.

Die durch die Bundespolitik eingeleitete Verschärfung der Förderbestimmungen bzw. die Einsparung von Fördermitteln und insbesondere die mit den Förderkursen verbundenen kostenintensiven Zertifizierungsprozesse führten dazu, dass die vom Verein Frauen helfen Frauen durchgeführten Kursangebote für alleinerziehende Frauen aufgegeben werden mussten.

Dem Verein war es jedoch weiterhin wichtig, ein multiprofessionelles Netzwerk aufzubauen, das sich innerhalb Lübecks mit der spezifischen Lebens- und Arbeitssituation von alleinerziehenden Frauen auseinandersetzte. Durch kontinuierlichen Austausch sollte ermittelt und diskutiert werden, welche spezifischen Benachteiligungen allein erziehende Frauen auf dem Arbeitsmarkt erfahren, und welche besonderen Unterstützungsbedarfe hinsichtlich der Einmündung in den Arbeitsmarkt für sie benötigt werden. Im Sinne von Partizipation nahmen von Beginn an auch betroffene Frauen an diesen Sitzungen und Diskussionen teil. Das erste Treffen fand am 11.8.2005 statt.

Die Themen und Schwerpunkte der Netzwerktreffen waren:

  1. Identifikation der Barrieren und Hindernisse, die Frauen in besonderen Problemlagen die Integration in die Erwerbstätigkeit erschweren.
  2. Ermittlung von (fehlenden )Angeboten für diese spezifische Zielgruppe.
  3. Planung und Vernetzung von Angeboten.
  4. Kontinuierlicher Informationsaustausch.

Im Lauf der Jahre entwickelte sich das Netzwerk zunehmend zu einem interdisziplinären Erfahrungsaustausch, und die Expertinnen in eigener Sache zogen sich zurück. Das Netzwerk trägt seit 2010 den Namen Chancen für Frauen. Die regelmäßigen Netzwerk-Treffen finden wechselweise bei den Netzwerkpartner_innen statt. Einmal jährlich veranstaltet das Netzwerk Chancen für Frauen die Messe „Arbeit, aber wie?“ für Frauen in Lübeck. Diese Messe wird stark von den Frauen nachgefragt. Einen ganzen Tag lang informieren Frauen andere Frauen, die auf Arbeitssuche sind, Bildungsangebote kennenlernen möchten, oder auch die Erwerbstätigkeit in Maßnahmen bzw. anderen Bereichen einmal kritisch hinterfragen wollen.